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Geschriebenes
Hier ein
kleiner Ausschnitt. Viel Spaß beim Lesen. Bitte daran denken:
Die Rechte an allen hier stehenden Texten liegen beim Urheber.
Überlegen Sie sich gut, was Sie damit anfangen.
© poeticlabel 2012
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Ahoi
Wo Schiffe sind, ist Wasser.
Wo Wasser ist, ist Weite.
Wo Weite ist, sind Ausblicke.
Wo Ausblicke sind, sind Ziele.
Wo Ziele sind, kann Heimat sein.
Wo Heimat ist, sind Schiffe.
T.W. 04|2012
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Nachhall
was noch zu füllen wäre
ist im augenblick verschollen
mag sein dass das vergessen niemand teilt
das wagen auf der brücke zweifelt abwärts
wo ewiges entschwinden alles heilt
was noch zu leeren wäre
scheint im denken eingefroren
der gläser letzter anstoß schwirrt vorbei
vom sägezahn der zeit geteilte wege
flussabwärts endlich kommt das einerlei
T.W. 05|2012
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Die Liebe meines Lebens hat an einer Weggabelung
– Steine lagen dort, zu einem Haufen aufgeschichtet, den grünen
Pfad nach links genommen. Ich sah ihr nach, bis aus den Augen sie
mir bald entschwand. In Windeseile wuchsen Schneeglöckchen, Krokusse,
Rosen und Astern aus jedem ihrer Fußabdrücke im Gras heraus, verflochten
sich, verblühten, kamen wieder und strömten augenscheinlich gen
Horizont. Ich wartete, denn irgendwann, ich weiß es, kommt jeder,
der Richtung Westen geht, im Osten wieder an. Jahre verdunsteten.
Ich ging nicht fort. Die Steine, die die Gabelung kennzeichneten,
waren längst in der Erde versunken. Alt war ich geworden, aber nicht
müde.
Ich wartete, pflückte Schneeglöckchen, Krokusse, Rosen und Astern,
suchte Schritte im Gras.
Eine alte Frau kam von Osten, klein, gebückt und grau. Sie stocherte
nach den Steinen, blickte zu mir hoch, atmete tief aus und winkte
ab. Mit ihrem Krückstock pochte sie mir aufs Herz und aus ihren
Augen blitzte es. Ihre Mutter? Ich sagte nichts. Das Sprechen habe
ich verlernt. Sie schlurfte Richtung Westen, die Füße nachziehend,
schneller werdend und hinterließ Spuren im Gras, wie Gleise, die
sich rasch in der Ferne verloren. Bald waren auch sie bunt bewachsen.
Ein anderer Weg.
Auf meiner Brust pochen noch immer die Aufschläge ihres Krückstocks.
Mein Herz schlägt zurück, doch der Rhythmus wird langsamer. Ostern
wird alles ändern, sagt man. Ganz sicher.
Noch einmal Krokusse, dann nichts mehr.
T.W. 04|2012
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Loslassen
Verschlafen
wie ich, gerade erst aufgewacht, schleicht die Oktobersonne über
die Dächer von Piepenbrooks Fabrik. Gleich wird es läuten. Es läutet!
Ein paar voreilige Arbeiter haben sich schon vor der Zeit um das
Werktor versammelt, als gäb es was umsonst an diesem Montag, der
nichts Besonderes ist, ein Scheißmontag eben im Oktober.
Mit dem Läuten – es ist ein altes Ritual, weckt Piepenbrook die
kleine Stadt, in der auch ich wohne. Hier ist Provinz, tiefste Provinz,
niemand wird jemals daran etwas ändern. Seit fast hundert Jahren
blöken die Sirenen morgens und abends durch unseren Ort und verscheuchen
die Spatzen von den Stromleitungen, mit denen der Laden da drüben
am Leben erhalten wird. Punkt sechs ist es und ich guck auf meine
Uhr. In genau einer Stunde muss auch ich am Start sein.
Susi schläft noch. Unsere erste Nacht. Scheiß Idee. Eine Zweite
wird's nicht geben, aber das weiß sie noch nicht und es wird ein
paar Wochen dauern, bis sie's kapiert. Unten klappern die Fahrräder
von Piepenbrooks Angestellten. Sogar einen Schuppen für die Dinger
hat man ihnen vor ein paar Jahren spendiert. Damit die Bikes nicht
nass werden. Ha! Hier herrscht eben Ordnung, deutsche Ordnung! Als
würde das bisschen Regen den Vehikeln irgendwas anhaben können,
ich lach mich tot. Außerdem klauen sich seine Leute die Teile, die
mal kaputt gehen oder verrosten, sowieso aus den Fabrikbeständen,
das weiß ich genau, denn; bei Piepenbrook werden auch Fahrräder
hergestellt. Andy hat's erzählt, der hat da mal gearbeitet und mich
nie angelogen. Rausgeschmissen haben sie ihn, sagt er, weil er ein
paar Patronen mitgenommen hat, angeblich. Scheißjob fand er, nicht
gut für die Hände und schlecht bezahlt, aber mitkommen, mit mir
mitkommen, nein, das wollte er trotzdem nicht. Feige Sau!
Das einzig Gute da drüben war immer das Mittagessen gewesen, hat
er erzählt, das ist nämlich umsonst, kostet nichts, das ist schon
immer so seit fast hundert Jahren. Dick sind sie trotzdem nicht,
die da unten, mit den dunklen Ringen unter den Augen, die sich gegenüber
durch das Tor drängeln und ihre Kärtchen durch den Automaten ziehen.
Schrecklich sehen sie alle aus, besonders die Männer. «Proletarier
aller Länder vereinigt euch!» denk ich und muss grinsen, denn das
ist ja bereits geschehen. Sie haben sich längst vereinigt. Ja, haben
sie, hier bei uns in der Stadt haben sie sich Piepenbrook dafür
ausgesucht. Unter seinen Fabrikdächern, an den Fließbändern und
später dann in der Kantine, beim Essen, das nichts kostet, ja, da
haben sie sich vereinigt und ich soll sie beschützen, toll. Das
Geschäft da drüben scheint gut zu laufen, auch international, denn
täglich rollen Lkws rein und raus. An den Aufschriften kann man
sehen, dass sie auch aus Schurkenstaaten kommen. Piepenbrook beliefert
sie alle; Iran, Jemen, Mauretanien, Sudan, alle! Arschloch!
Susi dreht sich im Bett und mein Kopfkissen fällt runter. Sie bemerkt
es nicht. Wie kann man nur so lange schlafen, es ist doch schon
halb sieben. Ich geh ins Bad und wuchte den Koffer vom Schrank.
Gestern schon hab ich ihn gepackt, Susi musste es nicht mitkriegen.
Den Brief an sie zerreiß ich und schmeiß ihn in den Badeofen. Ist
ein Erbstück von Oma, das alte Ding. Ach Oma, wenn du wüsstest,
du würdest mir eine kleben. Mit Andy hab ich ihn damals hochgewuchtet
und eingeweiht. Ich hab ihn immer gern angefasst, wenn er heiß wurde.
"Wittigsthal" steht drauf. Sein Emaille fühlt sich weich an, auch
jetzt, während er das Papier verlodert, nur eben kalt, so wie die
letzten Stunden auch. Jetzt, nach dieser blöden Nacht, braucht Susi
den Brief nicht zu lesen, denk ich. Soll sie doch sehen, was wird,
mir doch egal. Hoffentlich hält sie die Klappe. Ein Foto von ihr
mach ich noch schnell. Frauenfleisch, für die andern, zum Angeben,
nur deswegen ist sie überhaupt hier.
Beim Waschen und Anziehen lass ich das Wasser nur ein wenig laufen,
so rauscht es nicht und sie kann weiter pennen. «Schmeiß den Schlüssel
in den Kasten», schreib ich ihr mit Penatencreme auf den Spiegel
und: «Ich bin erst mal weg!», schmier ich noch drunter. Das muss
reichen. Die Tür klappt nicht beim Rausgehen und auch die Stufen
der Treppe nach unten knarren schon seit einem Jahr nicht mehr.
Die Stadt hat's gerichtet und auch die Fenster sind überall neu
gemacht, im ganzen Haus. Die Miete wollen sie auch übernehmen, haben
sie gesagt, gestern, auf dem Empfang. Draußen vor der Tür zünd ich
mir noch eine an. Bald ist es sieben und drüben am Werktor ist es
ruhig geworden. Gleich wird es wieder läuten. Offizieller Arbeitsbeginn.
Na dann haut mal rein, Leute!
Wieder geht die Sirene und der Pförtner schlurft ans Eingangstor
um es zu schließen. Gerade eben war die letzte Limousine durchs
Werktor gerauscht. Ich wink ihm zu, wir kennen uns vom Sehen. Schulze
heißt er und war mit meinen Eltern befreundet, bevor die Scheiße
mit dem Feuer war. Lange her. Er winkt nicht zurück, war ja klar.
Auch mein Auto kommt. Ein Geflecktes. «MP» steht auf den Türen.
Schulze macht drüben große Augen und ich hau mich cool auf den Rücksitz.
Keiner hätt mir das zugetraut, keiner, der nicht und auch Andy sowieso
nicht. Machs gut Junge, denk ich noch und präg mir alles ringsherum
ein, aber nur kurz, denn der Fahrer nervt, als ob der hier in diesem
Nest noch einen anderen Fahrgast hätte, pah!
«Wo soll's denn hingehen, junger Mann?», fragt er grinsend in den
Rückspiegel hinein. Ich mach den Spaß mit und sag: «Erst mal Kaserne
und dann hoffentlich nicht nach Afghanistan.» Kein Grinsen mehr.
Er sieht cool aus in seiner Uniform, wie ein richtiger Mann eben.
«Immer hübsch eins nach dem andern», brabbelt er irgendwie geheimnisvoll
vor sich hin und gibt Gas. Ein paar Spatzen stieben aus einer Pfütze
in die Luft und ich denk schon wieder an Andy. Spatz hat er mich
immer genannt und ich denk mir; von irgendeiner Susi werd ich so
was niemals hören.
T.W.04|2012
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KINO
Gestern
war ich im Kino. Um acht. Ich geh immer um acht und ich geh montags,
da ist der Laden leer, da hab ich meine Ruhe, oben, in der letzten
Reihe. Drei Karten kauf ich mir immer, drei Stück und alle nebeneinander.
Auf den mittleren Platz setz ich mich, rechts liegt meine Jacke
(falls Winter oder Herbst ist), ansonsten bleibt der Stuhl leer.
Links - oder besser zu meiner Linken, auf den Polstern, steht der
ganze Kram, den ich unten an der Fressbude gekauft hab. Dann geht's
Licht aus. Werbung. Ich ess was und sauf mir einen an, dreißig Minuten
lang und wunder mich immer, warum die Lampen zwischendurch ein paarmal
an und ausgeh'n. Blöd. Wirklich.
Dann
kommt der Film. Meistens. Nur einmal kam er nicht. Der Vorführer
hatte, (später im Foyer ging das Gerücht ...) einen Anruf seiner
Frau gekriegt, es wäre Schluss und so, da hat er den Filmapparat
kaputt gehauen, nur die Bullen konnten ihn stoppen. Das war ein
schöner Abend, besser jedenfalls als der Film, denn ein paar Wochen
später hab ich ihn mir doch noch angeschaut. Welchen Film? Hab ich
vergessen. Den Vorführer nicht. Ich seh ihn manchmal im Traum, sehe,
wie ihn die Polizistin an den Haaren in ihr Ganoventaxi geschliffen
hat. Die Hände hatte sie ihm mit Kabelbindern, eine gute Erfindung,
auf dem Rücken zusammengebunden. Weiber!
Gestern
lief ein Schinken aus den zwanziger Jahren. Ein alter Sack, Lehrer
oder so was, hat sich in eine Tänzerin verknallt. Schwarzweißfilm
und schlechter Ton. Die Werbung davor war das Beste. Außer mir war
niemand da. Ich war allein, ganz allein, auch gut. Als Schluss war
verstand ich, warum das Ding niemand sehen wollte. Aber ich war
satt und ein bisschen besoffen. Wenigstens das. Weit ist es nicht,
von mir bis zum Kino, nur fünfhundert Meter. Neubau, Hochhaus, sechzehn
Etagen und ganz unten ist meine Bude. Die Hausmeisterwohnung. Das
"I-Haus" nennt man es bei Wolle in der Kneipe, das «Intellektuellenhaus».
Lauter Ärzte wohnen bei uns, Anwälte, Direktoren und Professoren.
Trotzdem sieht es im Fahrstuhl immer aus, als hätte ne Eishockeymannschaft
sich bei uns breitgemacht oder ein Boxerklub. Überall Unrat. Ich
war mal beim Boxen, auch beim Eishockey. Sogar in der VIP-Lounge
war ich! Dreihundert Jahre Gefängnis saßen dort am Tresen und betranken
sich per Kreditkarte. Beim Boxen war es kaum anders. Doch, etwas,
nämlich bestimmt vierhundert Jahre Gefängnis, aber mit goldenen
Ketten um den Hals.
Marlene
hatte die Karten organisiert. Sie wohnt über mir und schläft den
ganzen Tag. Kennengelernt haben wir uns, als einmal ihre Wohnungsschlüssel
verlorengegangen waren oder ein Freier sie ihr geklaut hatte, ich
weiß nicht mehr genau. Mit nem Dietrich hab ich die Tür aufgekriegt
und als Dankeschön hat sie die Karten besorgt von irgendwem, gesagt
hat sie es mir nicht. Einmal hab ich sie mit zu mir genommen. Sie
lag vor der Haustür, besoffen, und blau wie ein Schlumpf. Nur noch
gelallt hat sie und versuchte trotzdem ständig zu singen. Wenn sie
nüchtern ist, (manchmal kann ich es durch die Decke hindurch hören)
ist es erträglich, aber an jenem Abend war's nicht auszuhalten.
Sie sieht gut aus, immer noch, obwohl sie schon vierzig ist, glaub
ich. Auf dem Sofa hat sie dann geschlafen, wie ein Engel, und an
ihrer Tür hat es die ganze Nacht gebimmelt.
Am nächsten
Morgen, beim Kaffee, hat sie mir erzählt, dass es eine 1000 Euro
Nacht gewesen wäre und ich ihr jetzt das Geld schulden würde. Da
hab ich sie rausgeschmissen. Aber nach ner Woche war wieder alles
gut, Marlene wieder fröhlich und ich holte ihr wieder die Klamotten
von der Reinigung. Sie trägt rosa so gern. Einmal hab ich ihren
Wäschebeutel durchsucht. Ekelhaft! Sie hat ein Kind, ein Mädchen,
aber das arbeitet woanders. Bessere Gegend sagt Marlene, und, dass
sie es leichter als sie selbst haben würde. Heute ist Dienstag und
in knapp einer Woche ist wieder Montag, Kinotag. Was dann laufen
wird, weiß ich noch nicht, ist mir auch egal. Hauptsache raus hier.
T.W.04|2012
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Kastanien
Der Georg hatte die Viola begattet,
das ganze Dorf tuschelte. An der Kirmes solls gewesen sein, hinterm
Festzelt unter der alten Kastanie. Der dicke Rohloff, der mit seinem
besoffenen Kopp draußen herum wankte, wollte es gesehen haben. Als
er wieder zurück am Tresen war, posaunte er die Geschichte überall
im Zelt herum. Sofort lief der komplette Saufklub ins Freie um die
beiden anzufeuern, aber sie waren bereits verschwunden. Zweifel
kamen auf. Aber Rohloff, dem man anfangs gar keinen Glauben schenken
wollte, hatte alles so detailliert beschrieben, dass alle Bedenken,
bezüglich seiner Fantasie, bald wie weggeblasen waren. Innerhalb
von ein paar Minuten war der Vorfall von draußen, unterm Baum, das
Hauptthema an jedem der Tische.
Violas Mann, sie waren schon seit
vier Jahren verheiratet, war Fotograf und bereiste gerade den Orient,
das kam oft vor und seine Frau war meistens allein. Georg hatte
ihr die Heizung im Haus repariert und dabei, so mutmaßte man, waren
sie sich wohl näher gekommen. Georg selbst hatte auch eine Frau,
Hannelore, die saß im Finanzamt und bearbeitete die Steuerklärungen
der Einwohner der ganzen Gegend. Jeder hatte zu ihr ein ausgesprochen
gutes Verhältnis. Klar.
Am Herbstfest war sie aber nicht
dabei, sie war auf Betriebsausflug. Ihr Chef war fünfzig geworden
und hatte auf seine Kosten, alle Mitarbeiter zu einem Wochenendtrip
nach Ibiza eingeladen. So war also an allen Fronten freie Bahn.
Schadenfreude stand in den Gesichtern der Tratschtanten des Dorfes.
Alle hetzten über die Beiden, die es draußen, laut Rohloff, unterm
Baum getrieben haben sollten. Er erzählte, dass Viola im Gras kniete
und Georg an ihr rumgefummelt hatte. Im Festzelt wurde eifrig weitergedichtet.
Der Alkohol beflügelte die Fantasien. Schon am nächsten Tag, bei
der Behrend in der Verkaufstelle, erzählte man sich, dass die Viola
ja schwanger sei und die Beiden schon lange ein Verhältnis hatten
und man sie oft genug beim Sex im Auto und an den Wegen, um ihr
Dorf herum erwischt, hatte. Ja sogar die angeblichen Sexualpraktiken
der beiden wurden ausführlich bei der Behrend besprochen und manches
Mal konnte man sehnsüchtige Blicke in den Augen der Diskutanten
erahnen. Alles wartete nun gespannt auf die Rückkehr der betrogenen
Ehepartner. Das sollte auch gar nicht mehr so lange dauern. Am Dienstag
waren beide wieder da und die Nachbarschaft lag mucksmäuschenstill
auf der Lauer und wartete darauf, dass bei Georg die Fetzen fliegen
würden, seine Sachen aus dem Fenster segeln und ein riesen Tamtam
gemacht werden würde.
Auch bei Viola war man gespannt.
Doch so, wie es sich alle wünschten, kam es nicht. Violas Mann,
der Fotograf, verließ nach ein paar Stunden mit einigen Koffern
das Haus und Georgs Frau, die Hannelore aus dem Finanzamt, ebenfalls.
Sonst nichts, ganz leise ging das vonstatten. Keine zerbrochenen
Scheiben, kein umherfliegendes Geschirr. Nichts! Der Ort gierte
nach weiteren Informationen.
Doch erst eine Woche später hörte
man, wie es wirklich gewesen war. Violas Mann hatte sich im Iran
eine Freundin angelacht, es prompt zu Hause erzählt und war einfach
ausgezogen. Bei Georgs Frau, der Hannelore, war es ähnlich, sie
war der Liebe zum Opfer gefallen. «Disco-Bernie» auf Ibiza war ihr
näher gekommen. Sie ist sofort, gleich an dem Tag, als sie ihrem
Mann die Geschichte gebeichtet hatte, zurück auf die Insel geflogen.
Seit diesem Tag, kehrte wieder Gewissenhaftigkeit beim Ausfüllen
der Steuererklärungen ein.
Viola und Georg aber kamen niemals
zusammen. Sie hatten sich an jenem Abend unter dem Kastanienbaum
nur zufällig getroffen. Viola sammelte für ihren Mann nur ein paar
Kastanien, denn er hatte sie darum gebeten, er brauchte sie für
irgendein Motiv. Georg glaubte damals, als er sie im Gras hocken
sah, dass ihr etwas passiert wäre, er wollte nur helfen. Als er
zu ihr hinrannte, war er auf einer Kastanie ausgerutscht und hatte
sich die Nase blutig geschlagen. Viola hatte ihm nur mit ihrem Taschentuch
das Blut aus dem Gesicht gewischt.
Ein Jahr später waren Kommunalwahlen
und der dicke Rohloff wurde zum Bürgermeister gewählt, weil er sich
eben in allen Belangen der Dorfgemeinschaft so gut auskannte. Hätte
er nur zwei Kreuzchen mehr auf seinem Wahlzettel gehabt, ja, dann
hätte er hundert Prozent aller Stimmen des Dorfes erhalten.
© Tom Walter 09|2010
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Party (Terza Rima)
Zum Fest kam Paul. Er ging wie meist
zu spät.
Am Tag danach fand man ihn tot im Hof.
So geht’s, wenn man in Glätte rein gerät.
Sein Gang, sein Schritt war falsch
und schlecht gesetzt,
mag gar nicht daran denken, wie es war,
ja ja, so wird man fliegend schnell verletzt.
Bei ihm, ich sags mit keinem Unterton,
wars so, dass man ihn fand in einem Spalt.
Kopfüber steckte er. Ihr wisst es schon?
Ich meine, dass er tot ist, und so
fort?
Ihr denkt wir haben ihn zu früh verscheucht?
Dann kommt mal her und schaut euch um vor Ort.
Noch immer schleichen Bullen hier
umher,
man glaubt er hätte wohl sein Glück verspielt,
der Schnaps in seinen Beinen legt‘ ihn quer.
Ich weiß noch, als er ging war er zu blau,
auch wir - und nicht vom Wein und Schnaps allein,
er schrie noch: „Man, ich will jetzt eine Frau!“
Auch Bier und Kognak passten bei ihm rein!
Bald wurd er scharf und dachte nur an eins;
der ganzen Welt wollt er der Vater sein.
Im Hof, den der Vermieter Rasen nennt,
fühlt‘ er sich von dem feuchten Duft betört,
das sagt der Dieter, der den Kerl gut kennt.
Nur so kann es gewesen sein. Man hört
er wär beim Schiffen voll da rein gekracht
und wer ihn sah, den hat es nicht gestört.
Er steckte mit dem besten Stück im Gras,
das sagt die Meier und die sah es wohl,
im Rasen neben Blumenkohl. Kein Spaß!
Beim nächsten Fest, es war uns allen
flau,
ging jeder heulend an den feuchten Ort.
In Andacht, doch zum Beten viel zu blau.
Es rekelte die Meier sich im Gras
und jeder schlug sich Kreuze vor die Brust,
ich glaube niemand gönnte ihr den Spaß.
Den Paul? Den schmiss man angewidert
weg
und grub ihn mit dem Mast nach unten ein.
Ein Schwein? Ach wo. Doch nur ein Mann, oh Schreck.
© Tom
Walter 12|2010
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Der Kuss der Krähe
Wie eine schwarze Krähe schob sich ein
Gewitter vor die Sonne. Aus der Ferne hörte man es schon husten.
Ein wenig Wind kam auf, räusperte sich, ruckelte an den Zweigen
der Büsche im Vorgarten und weckte ein paar vertrocknete Blätter,
die auf dem Weg lagen. Sie tänzelten durch den Garten und klebten
dann, wie festgenagelt in der Hecke, die das Grundstück umsäumte.
Der erste Tropfen, schwer und warm, fiel mir direkt vor die Füße.
Er hatte meine Wange gestreift, so wie es wenige Augenblicke später
der Rest seiner Familie auch tat. Nichts konnte ich mehr, gar nichts.
Ich war wie in Trance, wie in die Erde geschraubt stand ich mit
weiten Armen, den Kopf im Nacken, mit dem Gesicht zum Himmel, in
einem, ach schon so lange herbeigesehnten Gewitter. Himmlische Leuchtraketen
schlugen ein, in der Ferne und ganz in meiner Nähe auch. Ich zählte
die Sekunden zwischen Blitz und Donner, Donner und Blitz, bis wir
eins waren, der Regen, das Gewitter, die Welt und ich. Luisa war
gegangen und dort, wo sie hinwollte, war sie niemals angekommen.
Auch sie hatte sich ein Gewitter so sehr gewünscht. Es muss es gehört,
ihr den Wunsch erfüllt und sich in sie verliebt haben. In jener
Nacht war ihre Hochzeit und die schwarze Krähe war ihre Brautjungfer.
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Unvergessen
Des Waldes Mühe, sich im Grün versteckt
zu baden
ist fast vergebens, denn die Zeit ist reif,
der Tagesanfang wächst aus einem Schweif,
und wenn sie flieh'n, zersonnt, die feuchten Nebelschwaden,
steh'n Bäume nackt, geschält, aschfahl
das Untenrum nicht aussichtslos, noch kahl.
Sie hatten keine Wahl, dem Teppich stehn
die Farben,
bedeckt das Bett, das einst für mich gemacht,
dass Kälte käme, nie von dir bedacht,
auf diesem Moos, da hattest du mich eingeladen,
um mir zu kommen, untern Rock,
ich hab die Narben noch von deinem Stock.
Noch immer spüre ich, mich fröstelt's,
wenn ich's sehe,
ja hör nur, wie es dröhnt auf deinem Bauch
und spürst du, wie der Absatz dreht, ja auch,
wie er sich bohrt in dich - wie du in mich, oh wehe-
kein Kind seitdem spielt hier im Gras,
was sagtest du noch gleich: «... nur Spaß?»
© Tom Walter
10|2010
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Carlo
In seiner kleinen Welt aus Holz zieht
Carlo seine Fäden,
was oben denkt, folgt unten seinem Spiel und glänzt im Spot,
es ist sein letztes Mal, bald siebzig ist er, fast schon tot,
er spielt sich selbst an diesem Tag, die Bühne war sein Leben.
Noch ruht im Stück Versatz, für seinen Gast, es ist die Eine,
die Schönste, die noch nie gespielt, seit fünfzig Jahren nun,
als Ebenbild geschnitzt, bemalt, wie's nur Verliebte tun
und unten im Parkett denkt jemand: "Siehst du wie ich weine?"
Sie ahnt was kommt, sein Zittern
ließ den Bühnenvorhang wehen
wie ein Tattoo hat sich ein Antlitz blitzend eingeschweißt
und Filme in Schwarz-weiß zerrollen, bleiben lächelnd stehen,
schon tritt sie auf, ein leichter
Wind und ihre Haare wehen
und Carlo betet, dass der Faden nicht noch einmal reißt,
doch half es nichts, auf viele Fäden fiel das Kreuz beim Gehen.
© Tom Walter 07|2010
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Lapidatio
Doli schrie auf,
der Erste traf sie schwer am Kopf
und roter Regen,
aufgesaugt in vierzehn Jahren,
begießt Cacao.
Zu fremden Füßen lag sie,
kein Gesicht, nur Staub und grau;
und rot benässt,
ein jeder Tritt im Schrei gezählt - bis zehn,
so viel wie einst Geschwister waren,
doch alles trat und stieß und niemand,
keiner wollte gehn.
Und still,
so still zerfloss am Haken festgeschmiedet,
schon lange blind, fast taub,
zum elften Mal ein Geist,
zerschrie sich leis ein altes Herz,
zerschellte blutrot auch an eben diesen Füßen,
die grad zertraten ihres Lebens letzten Sinn.
Als dann der Kreis sich stumm zerheuchelt,
malt sie ein Herz aus Rot auf Braun,
ein Kind wirft treffend noch den letzten Stein,
als Zwölfte wurd auch sie gemeuchelt.
© Tom Walter 07|2010
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Ans Meer
Nichts kann ich mehr,
noch weniger als Moos von diesen Zeiten schaufeln,
um Stück um Stück im Spiegel,
der die Gegenrichtung zeigt,
zu orten was ein Leben taugt.
Komm fahr mit mir ans Meer,
du Ich aus einer and'ren Zeit,
wo's galt, sie schludrig zu verschwenden.
Wer weiß schon, wo wir alle waren,
wer weiß schon, wo wir alle enden.
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Feuerwehrhauptmannhymne
Der Lucius Domitius war ganz entbrannt um Rom
und auch Oktavia die Holde -
man(n) kannte dieses Luder schon -,
wusst ganz genau um ihres Gatten (heiße) Schwäche,
das wusste die *Poppea auch und weinte - bitter Bäche.
Nun trug's sich zu, dass Erstgenannter,
- inzwischen hieß er: "Nero",
der Zweiten bald den Vorzug gab, für "Okti" hieß das: "Zero".
Doch ging das Spiel sehr blutig weiter,
Britannicus entschwebte,
doch nicht allein,
- allein ist doof -
auch's Mütterchen entlebte.
Dann wurd's ihm heiß und aus dem Circus,
schrie es bald und hallte
sein Singen, Klagen über Troja,
- erzählt er was vom Pferd? -
erschallte.
Nun ist der Kram (so circa n.C. 36) ne ganze Weile her,
ich glaube heut, in dieser Zeit, erinnert man nichts mehr.
Nur meine süße Römerin, am Capitol zu Haus,
die hält es einfach, ohne Feuer,
hier bei mir nicht aus.
Ach gäbe es Tacitus noch,
der könnte drüber schreiben,
der blöde Nero und auch Rom,
kann mir gestohlen bleiben.
*geiler Name für ne Geliebtete …
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Besuch
Sie schlafen schön und Weiß hält sie
verborgen,
kein' Kummer kümmerts, dass dies nun so bleibt,
der Bund mit ihm, dem ewig Stillen, schweigt,
wenns heimwärts geht, erblindet uns das Morgen.
Hab acht, in allen späten Zeitenwenden,
mein Regen rinnt und spült mich endlos fort,
gefaltet, reisefertig, fast verdorrt, nichts bleibt von einst,
zerspürt in kalten Händen.
Wenn Stille höhnt, bebildert's mich zugrunde ,
von Säulenwänden rinnt zu laut mein Schritt,
noch bleibt er mir, der Duft der letzten Stunde,
falls Frühling kommt, dann seid ihr bald zu dritt.
© Tom Walter 01|2010
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Verweht
Die nackte Wahrheit schlief danach
im Sand. Eine Welle versuchte ihr die Füße zu küssen. Der Wind in
den Tüchern vollendete die Einblicke. Noch war kein Herbst.
Sechsunddreißig Stufen waren's von den Dünen, jeder Schritt
zählte doppelt. Gedacht war genug, getan - wenig.
Später dann; vier Monde, einer in jedem Auge. Noch später nur zwei
und einer im Rücken, manchmal, wechselnd. Der Abschlag um zehn,
beim Anstoß noch Nacht.
Dann Sonne, Bauchsonne. Gezeiten. Ein Fuß küsste zurück, nur ein
einziges Mal. Sie schlief nicht mehr, die Wahrheit. Und nackt; nur
die Augen, vierfach. Die Lüge ging und sie zählte Schritte. Sechsunddreißig.
Einfach.
© Tom Walter 01|2010
© poeticlabel 2012
Heute
ist der: